Digitale sexualisierte Gewalt trifft fast jeden zweiten Jugendlichen in Deutschland
Finn KleinDigitale sexualisierte Gewalt trifft fast jeden zweiten Jugendlichen in Deutschland
Digitale sexualisierte Gewalt betrifft fast die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland
Aktuelle Studien zufolge ist fast jeder zweite junge Mensch in Deutschland von digitaler sexualisierter Gewalt betroffen. Ob durch Cybergrooming oder den Missbrauch von Deepfakes – das Problem geht längst über die klassische "Gefahr durch Fremde" hinaus. Immer häufiger kommen Vorfälle in Freundeskreisen oder Schulchats vor. Experten warnen, dass mangelnde Medienkompetenz und fehlende offene Gespräche Kinder besonders verletzlich machen.
Eine Auswertung der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit (BZgA) aus dem Jahr 2025 ergab, dass fast jedes zweite Minderjährige bereits digitale sexualisierte Gewalt erlebt hat. Eine häufige Form ist Cybergrooming, bei dem Täter gezielt das Vertrauen von Kindern in Chats aufbauen, um sie später zu belästigen oder zu missbrauchen. Fast ein Viertel der Jugendlichen gab an, auf diese Weise ins Visier geraten zu sein.
Zwischen 2021 und 2024 setzte Thüringen mit einem Pilotprojekt neue Maßstäbe. Finanziert von der Landesbeauftragten für den Kinderschutz, wurden Präventionsworkshops an Schulen eingeführt. Yasmina Ramdani leitete die Veranstaltungen und erreichte rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klasse. Das Programm war das erste seiner Art in Deutschland – doch es gibt keine öffentlichen Daten darüber, wie viele Schulen bundesweit seitdem ähnliche Maßnahmen umgesetzt haben.
Lehrkräfte erkennen die Dringlichkeit, digitale sexualisierte Gewalt zu thematisieren, fühlen sich aber oft überfordert. Viele Fälle entstehen nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Naivität – Grenzüberschreitungen passieren in Klassenchats oder unter Gleichaltrigen. Auch Eltern werden aufgefordert, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und mit ihren Kindern über Einvernehmlichkeit und digitale Sicherheit zu sprechen.
Prominente Fälle haben das Problem zusätzlich ins Rampenlicht gerückt. Die Schauspielerin Collien Fernandes warf ihrem Ex-Mann, Christian Ulmen, digitale Gewalt vor – darunter die Erstellung gefälschter Profile und pornografischer Deepfakes. Der Vorfall zeigte, wie stark Frauen von Online-Missbrauch betroffen sind, oft durch Personen aus ihrem Umfeld.
Prävention bleibt der kostengünstigste Weg, um digitale sexualisierte Gewalt einzudämmen und langfristige Schäden durch ungehinderte Übergriffe zu verhindern. Zwar waren die Thüringer Workshops ein wichtiger Schritt, doch eine flächendeckende Umsetzung hängt davon ab, dass Schulen, Eltern und Politiker an einem Strang ziehen. Ohne umfassende Maßnahmen, warnen Experten, werde sich das Problem weiter verschärfen – besonders, da digitale Interaktionen im Leben junger Menschen immer selbstverständlicher werden.






