07 May 2026, 14:04

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR die Erinnerung tilgte

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das zahlreiche rechteckige Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts verlorenes jüdisches Erbe: Wie die DDR die Erinnerung tilgte

Halberstadts jüdische Gemeinde – einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde zwischen 1938 und 1942 systematisch zerstört. Doch die schwierige Auseinandersetzung der Stadt mit ihrer Vergangenheit kam 2018 wieder ans Licht, als der Verkauf der Rathauspassagen Gerüchte von einem „Verkauf an die Juden“ schürte. Neue Forschungen des Historikers Philipp Graf zeigen nun, wie die DDR trotz ihres antifaschistischen Selbstverständnisses versagte, jüdisches Erbe zu bewahren.

Die Zerstörung Halberstadts begann 1938 mit der Niederbrennung seiner Synagoge. Bis 1942 war die jüdische Gemeinde fast vollständig vernichtet. Nach dem Krieg entstand 1949 am ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch bereits 1969 wurde der Ort umgestaltet – nicht als Mahnmal, sondern als Versammlungsstätte für politische Treuebekundungen, direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet.

In den 1970er Jahren nutzte die DDR das Tunnelsystem des Lagers als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee. Trotz jüdischer Persönlichkeiten wie der Sängerin Lin Jaldati, dem Schriftsteller Jurek Becker oder dem Historiker Peter Edel belegt Graf in seiner Studie, dass die DDR jüdisches Kulturerbe aktiv tilgte. Sein Buch „Verweigerte Erinnerung“ entlarvt die hohle antifaschistische Rhetorik des Staates und dessen Scheitern, Antisemitismus zu bekämpfen.

Grafs Arbeit fordert auch heutige Leser:innen auf, alte politische Denkmuster zu hinterfragen. Er argumentiert, dass es bereits 1949 und 1989 Instrumente gegen rechts wie links verbrämten Autoritarismus gab – doch sie wurden ignoriert oder verworfen. Die Kontroverse um den Verkauf der Rathauspassagen 2018 zeigte, wie tief antisemitische Klischees in Halberstadt verwurzelt sind – Jahrzehnte nach der Vernichtung der Gemeinde.

Grafs Erkenntnisse offenbaren eine anhaltende Kluft zwischen politischer Rhetorik und historischer Realität. Die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge, einst Ort der Trauer, wurde zum Symbol ideologischer Vereinnahmung. Heute mahnt sein Buch, Antisemitismus in all seinen Facetten zu erkennen – ob verharmlost, umgedeutet oder unter neuen Regimen fortgeschrieben.

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